Fallbeispiele Skill-Lab
Interaktive Fallbeispiele – Klinisches Denken trainieren
Diese Fallbeispiele simulieren reale Situationen aus dem physiotherapeutischen Alltag. Du arbeitest nicht nur lesend, sondern aktiv: Wichtige Hinweise im Text werden markiert, Hypothesen gebildet und eine begründete Triage-Entscheidung getroffen.
Ziel ist es, klinisches Denken systematisch zu entwickeln.
Du unterscheidest zwischen strukturellen, funktionellen und schmerzmechanistischen Hypothesen, reflektierst biopsychosoziale Aspekte und entscheidest, ob ausschließlich Physiotherapie angezeigt ist oder eine ärztliche Abklärung erforderlich wird.
Das Format unterstützt dich dabei, Befunde kritisch zu gewichten, Red Flags zu erkennen und dein weiteres Vorgehen strukturiert zu planen – so, wie es im Berufsalltag und in praktischen Prüfungen erwartet wird.

Fall 1 – Postpartaler lumbaler Schmerz
Eine Anfang 30-jährige Patientin stellt sich drei Monate nach einer spontanen Geburt in Ihrer Praxis vor. Sie bringt ihre drei Monate alte Tochter im Kinderwagen mit. Vor dem Praxiseingang befinden sich drei Stufen, die sie aufgrund ihrer Schmerzen nicht selbst überwinden kann. Sie berichtet, aktuell nichts tragen zu können. Seit dem Ende des Wochenbetts bestehen lumbale Rückenschmerzen. Der Schmerz wird mittig im unteren Rücken lokalisiert und strahlt beidseits in die Leiste aus. Der Beginn war schleichend direkt postpartal, die Beschwerden nahmen in den ersten Wochen zu. Bei Belastung erreicht der Schmerz eine Intensität von bis zu 9/10. Die Schmerzen treten bei nahezu allen Bewegungen auf. Besonders belastend sind das Tragen des Babys, Treppensteigen, Einbeinstand sowie das Anziehen im Stand. Auch das Umdrehen im Bett ist schmerzhaft. In Rückenlage ist sie weitgehend beschwerdefrei. Eine Seitenlage ist nicht möglich. Ein Wegknicken der Beine beschreibt sie nicht. Neurologische Symptome wie Taubheit, Kribbeln oder Kraftverlust verneint sie. Die Geburt verlief spontan, jedoch mit einer etwa 18-stündigen Eröffnungsphase und verlängerter Pressphase. Das Geburtsgewicht des Kindes betrug 4100 g. Während der Pressphase hatte sie subjektiv das Gefühl eines starken „Auseinanderziehens“ im Becken. Postpartal erfolgte keine weitere ärztliche Kontrolle des Beckens. Vier Wochen nach der Geburt begann sie eigenständig mit leichten Pilates-Übungen zur Rumpfstabilisierung. Sie ist Pilates-Lehrerin und beschreibt sich als sehr sportlich mit guter Körperkontrolle. Vor der Schwangerschaft unterrichtete sie mehrere Kurse pro Woche. Derzeit ist sie aufgrund der Beschwerden nicht arbeitsfähig. Neben der Säuglingstochter versorgt sie einen sechsjährigen Sohn. Der Partner ist beruflich stark eingebunden. Die Schlafqualität ist reduziert. Die Patientin äußert Sorge, dass im unteren Rücken „etwas kaputt gegangen“ sein könnte und sie nicht zu ihrem früheren Leistungsniveau zurückfindet. Schmerzmittel nimmt sie derzeit nicht ein, da sie stillt.

Fall 2 – Subakute Sensibilitätsstörung bei sportlichem 36-Jährigen
Ein 36-jähriger Patient stellt sich eine Woche nach einer Drachenboot-Regatta in der Praxis vor. Er trainiert mehrmals pro Woche, zusätzlich geht er regelmäßig bouldern. Beruflich arbeitet er als Projektleiter in einer IT-Firma und berichtet über eine aktuell sehr belastende Phase mit Termindruck, Personalengpässen und langen Arbeitstagen. In den Tagen vor der Regatta habe er wenig geschlafen und sich dauerhaft „unter Strom“ gefühlt. Seit etwa vier bis fünf Tagen bemerkt er ein Taubheitsgefühl sowie kribbelnde Missempfindungen im gesamten rechten Bein. Er beschreibt es nicht als klar abgrenzbar, sondern eher flächig verteilt. Zusätzlich berichtet er über ein vermindertes Empfinden im Bereich zwischen Genital- und Analregion. Schmerzen bestehen nicht. Rückenschmerzen oder ein ausstrahlender Schmerz ins Bein werden verneint. Die Beschwerden seien nicht bewegungsabhängig. Weder Beugen, Strecken noch Belastung provozierten oder verbesserten die Symptome. Auch beim Sport habe sich keine eindeutige Veränderung gezeigt. Auffällig sei, dass sich das Kribbeln nach heißem Duschen kurzfristig verstärke. Außerdem habe er bemerkt, dass bei starker Vorneigung des Kopfes ein kurzes, elektrisierendes Gefühl entlang der Wirbelsäule bis in das rechte Bein ziehe. Nachts falle ihm vermehrtes Schwitzen auf, obwohl kein Infekt bestehe. Er fühle sich insgesamt ungewöhnlich erschöpft, was er zunächst auf den beruflichen Stress zurückgeführt habe. Blasen- und Darmfunktion sind unauffällig. Die Symptome bestehen nun seit mehreren Tagen unverändert.

Fall 3 – Rezidivierender linksseitiger Low Back Pain bei 34-jähriger Patientin
Eine 34-jährige Patientin stellt sich ohne ärztliche Überweisung in der physiotherapeutischen Praxis vor. Sie berichtet über seit etwa zwei Jahren bestehende, wiederkehrende Schmerzen im Bereich der linken Lendenwirbelsäule und des Iliosakralgelenks. Die Beschwerden traten erstmals nach ihrer Schwangerschaft im Jahr 2022 auf und bestehen seither in unregelmäßigen Abständen. Die Patientin beschreibt den Schmerz als tief liegend, ziehend und teilweise krampfartig. Besonders morgens nach dem Aufstehen sei der Schmerz deutlich ausgeprägt und erreiche bis zu 7 von 10 Punkten auf der NRS. Im weiteren Tagesverlauf nehme die Intensität meist ab; abends sei sie häufig nahezu beschwerdefrei. Der stärkste Schmerz in den letzten Wochen lag bei 6/10. Auffällig sei, dass die Beschwerden kurz vor Einsetzen der Menstruation deutlich zunehmen und dann über mehrere Tage konstant vorhanden seien. Auf Nachfrage präzisiert die Patientin, dass sich der Schmerz „eigentlich so anfühlt, als komme er aus der linken Bauchseite und ziehe in Richtung Hüfte hinunter“. Mechanisch provozierbar seien die Beschwerden insbesondere durch Rückbeugen sowie durch längeres Sitzen. Neurologische Symptome wie Taubheit, Kribbeln oder anhaltende Sensibilitätsstörungen werden verneint. Schmerzmittel führen zu einer deutlichen Reduktion der Symptomatik. Sportlich ist die Patientin regelmäßig aktiv. Sie praktiziert mehrmals pro Woche Yoga und Krafttraining mit Widerstandsbändern, Joggen nur gelegentlich. Ihre Schlafqualität beschreibt sie als mäßig, ihr subjektives Stressniveau im Alltag mit 8 von 10 Punkten als hoch. Sie vermutet selbst, dass Stress einen Einfluss auf ihre Beschwerden haben könnte. Im weiteren Gespräch berichtet sie, dass ihre Menstruation regelmäßig sei, die Schmerzen jedoch in den letzten Jahren zugenommen hätten. Typischerweise beginnen die Beschwerden ein bis zwei Tage vor der Blutung. Während der Periode treten zusätzlich verstärkte Unterbauchschmerzen auf. Zudem bestehen gelegentlich Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, insbesondere bei tiefer Penetration. Zyklusabhängige Kopfschmerzen seien ebenfalls bekannt. Verdauungsprobleme außerhalb der Menstruation werden nicht angegeben. Bisherige Behandlungsversuche umfassten mehrere osteopathische Behandlungen, zuletzt mit viszeralem Schwerpunkt. Nach der letzten Behandlung kam es zu einer einwöchigen deutlichen Schmerzverstärkung im Bauchraum, danach stellte sich wieder das vorherige Beschwerdeniveau ein. Eine nachhaltige Verbesserung sei nicht eingetreten.

